Ein Schreinermeister aus der Oberpfalz zeigt, dass auch Handwerker das Internet nutzen können. Gerhard Reisinger erhält 70 Prozent seiner Aufträge online.
PETER BRORS, Reichenbach HANDELSBLATT, 12.7.2000
Hinter Cham kommen nur noch der Wald und die tschechische Grenze. Die Schilder weisen nach Windischbergerdorf,Kötzting, Viechtach. In dieser Gegend erreicht die CSU oft mehr als 85 Prozent der Stimmen. In manchen Dörfern des Landkreises, wie im 1 178 Einwohner zählenden Reichenbach, treten SPD und Grüne zu den Wahlen bis heute nicht
einmal an. Einzige Attraktion des Dorfs war lange ein mittelalterliches Kloster; jetzt wallfahren die Vertreter der Spitzenorganisationen des deutschen Handwerks nach Reichenbach, um Gerhard Reisinger zu besuchen. Der sitzt hinter einer für mit einem großen ?Chefbüro?-Schild und spricht davon, wie er seinen Internetauftritt gestaltet hat. ?Die Darstellung des eigenen Unternehmens im Web muss Chefsache sein?, sagt er. ?Denn nur der Chef kann die Philosophie und die Kultur einer Firma richtig vermitteln.? Und genau das sei es schließlich, was mit einem eigenen Internetauftritt erreicht werden müsse: ?Dem Kunden muss auf den ersten Klick klar werden, wofür der Betrieb steht.?
Reisinger ist das gelungen. Heute holt der 35-jährige Schreinermeister über das Internet (www. reisinger-innenausbau.de) 70 Prozent seines Umsatzes, der bei vier Millionen Mark pro Jahr liegt. Und gilt deshalb landesweit als Vorzeige-Handwerker im Internetzeitalter. Regelmäßig hält er in ganz Bayern Vorträge über die Bedeutung des Netzes für das Handwerk und die Gefahr, diesen ?wichtigen Trend? zu verpassen. Er referiert über Verkaufsförderung im Internet, über das Gestalten eigener Webseiten und darüber, wie man das Web als Marktforschungsinstrument selbst als Kleinbetrieb nutzen kann.
Auf diesen Veranstaltungen verbreitet er Botschaften, die auch Handwerkspräsident Dieter Philipp durchs ganze Land trägt: ?Die Nutzung der neuen Medien ist auch für das Handwerk künftig eine Frage des eigenen Überlebens.?
Wer Reisinger so sieht, einen leicht fülligen, gemütlich wirkenden Mann, der gern Trachtenjacke trägt, ist überrascht, mit welcher Überzeugung und Konsequenz sich der vierfache Familienvater auf die elektronischen Medien und damit in die Zukunft stürzt.
Denn eigentlich sind ihm Tradition und Werte wie Familie und Gemeinschaftsgefühl wichtig. Er ist Mitglied in 20 Vereinen, am Wochenende bestimmt der Gottesdienst seinen Lebensrhythmus, und als zweiter Bürgermeister vertritt er regelmäßig
die Interessen der Bürger und die seiner zweiten Heimat, der CSU. Auf einem Regal in seinem Büro stehen gerahmte Bilder von Franz Josef Strauß und Theo Waigel mit Widmung ?für den lieben Gerhard?, und im Eingangsfoyer liegt in einer gläsernen Vitrine ein lilafarbenes Buch, das an allen vier Ecken mit silbernen Metallkappen vor Eselsohren geschützt ist. Darin hat Reisinger auf mehr als 300 Seiten detailverliebt die Geschichte seiner Firma erzählt.
Am Anfang war der Ärger. Bis vor zehn Jahren arbeitete Reisinger für eine große Baufirma auf Baustellen in der ganzen Republik. Als er sich mit der Unternehmensleitung immer öfter stritt, entschied er: Kündigung, dann Selbstständigkeit.
Schnell erwarb sich der junge Unternehmer in der Gegend einen Ruf als Schreiner, der neue und hübsch anzusehende Lösungen bot. Mit Hilfe der Falt- und Biegetechnik, mit der sich leicht Rundungen in Wände und Decken einarbeiten lassen, und mit neuen Lamellenkonstruktionen steigerte er stetig den Umsatz und die Zahl der Mitarbeiter auf 25.
Doch der ?ganz große Durchbruch? gelang ihm erst vor zwei Jahren - im Internet. Der Wirtschaftsreferent des Landkreises war derart begeistert von Reisingers Produkten, dass er ihn immer wieder aufforderte, sich damit im Internet zu präsentieren. Schließlich nahm der zunächst skeptische Reisinger (?Was soll mir das schon bringen??) 15 000 Mark, gestaltete die Homepage selbst und stellte nach sechs Wochen mehr als 60 Seiten ins Netz. Vier Tage später hatte Reisinger bereits vier neue Aufträge eingeholt, war selbst ?total überrascht? - und zunehmend überzeugt vom Nutzen der neuen Technik für seine kleine Firma. Jetzt ging es erst richtig los. Jeden seiner 25 Mitarbeiter stattete er mit Handy und Laptop aus, seinen Lageristen schulte er zum EDV-Experten um, der den Kontakt zu Lieferanten und Mitarbeitern auf den Baustellen nur mittels Elektronik hält. Den eigenen Lieferanten drohte er:
?Wer innerhalb der nächsten acht Wochen keine E-Mail-Adresse zur Warenbestellung nennen kann, wird die Firma Reisinger in Zukunft nicht mehr beliefern. ?Künftig will er seine Mitarbeiter bei Problemen auf Baustellen per Videokonferenz zuschalten und so die Schwierigkeiten mit den Experten vom Büro aus zu lösen. Gleichzeitig lancierte er weitere 30 Seiten im Netz, die spätestens alle vier Wochen aktualisiert werden. Inzwischen registriert er 1 000 Besuche pro Monat - und ist bis Februar nächsten Jahres mit Aufträgen ausgebucht.
Schöner Nebeneffekt für den Chef: Dank der neuen Technik fährt er im Jahr nur noch 60 000 statt wie bisher 120 000 Kilometer in seinem dunkelblauen 7er BMW von Baustelle zu Baustelle durchs Land.